Wie verläuft die Prüfung der Stadtbahnen? – eine Übersicht zur Roadmap zur Linie 66

In der letzten Wochen wurde den SWB Aufsichtsräten die Roadmap zur Wiederinbetriebnahme der Stadtbahnen übergeben. Die Roadmap selbst wurde hingegen nicht veröffentlicht. Gleichzeitig erfolgten keine täglichen Updates mehr zu den Fortschritten aus den Werkstätten.

Wir haben daher bei den Stadtwerken nachgefragt, um ein genaueres Bild zu bekommen. Die Ergebnisse fassen wir auf dieser Seite zusammen, mit dem Ziel allen Interessierten den Prozess genauer zu beschreiben. Insbesondere haben wir durch den Austausch und die Rückfragen der Leserschaft beobachten können, dass nicht allen deutlich wurde, dass die Stadtbahnen – sehen sie von außen mitunter „fast gleich“ aus – technisch unterschiedlich sind.

Das führt dazu, dass die Freigaben in Gruppen durchgeführt werden müssen, und nicht basierend auf dem ersten Bescheid alle wieder geprüft und in den Betrieb überführt werden können. Insgesamt gibt es eine Gemengelage an Begriffen und Bezeichnungen. Wir behalten uns vor die Informationen mit der Zeit zu ergänzen, insbesondere zum Fortschritt in der Sektion „Wo stehen wir aktuell“. Fangen wir an mit der Übersicht.

Hinweis: zur Vereinfachung der Lesbarkeit verwenden wir „die Stadtwerke“ als Oberbegriff. Die Bahnen sind zum Teil im Besitz der Stadtwerke Bonn Verkehrs GmbH (Tochterunternehmen der SWB) und im Besitz der SSB = Elektrischen Bahnen der Stadt Bonn und des Rhein-Sieg-Kreises GmbH (die zum Teil auch den SWB gehört). Die Fahrzeuge werden gemeinsam geprüft.

Übersicht: wie viele Stadtbahnen stehen im Idealfall zur Verfügung?

Insgesamt stehen den Stadtwerken in Summe 75 Bahnen, die als Stadtbahn eingesetzt werden können. Hierfür sind Bahnen erforderlich, die auch die hohen Bahnsteige bedienen können, wie etwa bei der Linie 16, 18 und 66.

Insgesamt 60 Bahnen wurden am 21. Juli 2026 durch die Technische Aufsichtsbehörde (TAB) stillgelegt.

Diese insgesamt 75 Bahnen sind von zwei unterschiedlichen Herstellern:

  • 15 der 75 Bahnen sind von Bombardier vom Typ K-5000 und von der Stilllegung nicht betroffen. Sie waren und sind weiter im Einsatz. Insbesondere auch auf den Linien 16 und 18.
  • 60 der 75 Bahnen sind von Duewag, sogenannte „B-Wagen“ und wurden stillgelegt.

Sind die 60 stillgelegten Duewag Bahnen alle gleich aufgebaut?

Nein, auch wenn sie aus der gleichen B-Wagen-Familie stammen und es Ähnlichkeiten gibt. Die 60 Bahnen teilen sich in 3 Gruppen, die sich technisch unterscheiden. Dies sind die uns bestätigten Stückzahlen der einzelnen Gruppen und die ursprünglichen Baujahre.

  • 20 Stück der Serie 5 (90er Jahre)
  • 15 Stück der Serie 4 (80er Jahre)
  • 25 Stück als Zweiterstellung (70er Jahre)

Warum heißt die Bahnen aus den 70er Jahren Zweiterstellung?

Die Fahrzeuge stammen ursprünglich aus den 1970er Jahren aus den Serien 1-3 und wurden später grundlegend modernisiert. Bei den SWB werden diese modernisierten Fahrzeuge als ‚Zweiterstellung‘ bezeichnet.

Wie verläuft der Prozess nach der Stilllegung?

Für jede der drei Gruppen muss ein individuelles Konzept erstellt werden. Zu diesem Konzept gehört zunächst eine Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse (FMEA). Dieses wird, wie Daniel Blatzheim von der SWB-Pressestelle ausführt, gemeinsam mit einem externen Gutachterbüro erstellt. Die Schritte lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  1. SWB entwickelt auf Grundlage der FMEA ein Prüf- und Überwachungskonzept
  2. Abstimmung mit der TAB der Unterlagen und Details,
  3. TAB erlässt den Bescheid zur Wiederinbetriebnahme.
  4. > Jedes einzelne Fahrzeug durchläuft die Prüfung
  5. > Anschließend erfolgt eine finale Abnahme jedes Fahrzeugs durch Betriebsleiter

Das bedeutet Schritt 1. – 3. gilt für die ganze Gruppe, Schritt 4 und Schritt 5 erfolgen dann pro Fahrzeug. Allerdings gibt es auch Synergieeffekte: „Unterlagen der bereits freigegebenen Serie können für die kommende Freigabe in Ansätzen genutzt werden, insofern liegen viele Informationen bereits vor.“ wie uns Daniel Blatzheim mitteilt.

In welcher Reihenfolge werden die Fahrzeuge geprüft?

Die Gruppen werden laut SWB in der folgenden Reihenfolge abgearbeitet

  1. Serie 5
  2. Zweiterstellung
  3. Serie 4

Wo stehen wir aktuell?

Schauen wir uns die einzelnen Gruppen an. Aus den Informationen der SWB-Pressestelle kann anhand der Serie 5, die bereits im Freigabe-Prozess ist, das Vorgehen veranschaulicht werden. Herr Blatzheim führt dazu aus: „Das Prüf- und Überwachungskonzept ist Teil der umfangreichen fahrzeugspezifischen und übergreifenden Unterlagen. Um die weitere Prüfung frühzeitig anzustoßen und Zeit zu gewinnen, wurde der TAB am 7. August 2026 zunächst ein Entwurf vorgestellt. Die abgestimmte und finalisierte Version wurde am 24. August 2026 bei der TAB eingereicht.

Der Bescheid wurde der SWBV und der SSB am 28. August 2026 im Rahmen eines Ortstermins von der TAB im Original übergeben. Ebenfalls am 28. August 2026 wurde das erste Fahrzeug (Nr. 9374) der SSB wieder in Betrieb genommen.“ Anmerkung: dieses Fahrzeug ist auch in unserem Titelbild, das nach der Freigabe entstand.

Aus den Ausführungen wird deutlich, dass ein enger Austausch zwischen den Stadtwerken und der TAB erfolgt, so dass vom finalen Prüfungskonzept bis zum Bescheid zur Wiederinbetriebnahme gerade einmal 4 Tage vergangen sind.

Nach heutigem Stand (1. Oktober 2026) ist dies die aktuelle Lage:

Serie 5 (20 Bahnen)

  • Erster Entwurf an TAB zur Abstimmung: 07. August 2026
  • Prüfkonzept an TAB übergeben: 24. August 2026
  • Bescheid erhalten: 28. August 2026
  • Anzahl Bahnen freigegeben: 15
  • Anzahl Bahnen noch zu prüfen: 5
  • ✅✅✅✅✅ ✅✅✅✅✅
    ✅✅✅✅✅ ❌❌❌❌❌
  • Prüfvorgabe nach Freigabe: alle 9000 Kilometer Ultraschallprüfung

Zweiterstellung (25 Bahnen)

  • Prüfkonzept an TAB übergeben: geplant bis 4. Oktober
  • Bescheid erhalten: ❌
  • Anzahl Bahnen freigegeben: 0
  • Anzahl Bahnen noch zu prüfen: 25
  • ❌❌❌❌❌ ❌❌❌❌❌
    ❌❌❌❌❌ ❌❌❌❌❌
    ❌❌❌❌❌

Serie 4 (15 Bahnen)

  • Prüfkonzept an TAB gesendet: ❌
  • Bescheid erhalten: ❌
  • Anzahl Bahnen freigegeben: 0
  • Anzahl Bahnen noch zu prüfen: 15
  • ❌❌❌❌❌ ❌❌❌❌❌
    ❌❌❌❌❌

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Prozesse, insbesondere durch die unterschiedlichen Anforderungen je Gruppe und die technischen Unterschiede komplexer sind, als man zunächst denken könnte.

Wie viele Bahnen werden pro Abschnitt benötigt?

Für eine realistische Einschätzung wann der Busersatzverkehr zurückgefahren werden kann, sind die Angaben notwendig wie viele Bahnen pro Streckenabschnitt mindestens benötigt werden, um einen Regelbetrieb durchzuführen. Allerdings: die reine Mindestzahl wird nicht dauerhaft ausreichen, da turnusmäßige Wartungen an den Bahnen und auch an den bislang nicht betroffenen Bahnen von Bombardier stattfinden, wodurch sie dem Fahrbetrieb nicht zur Verfügung stehen.

  • ✅ Siegburg Bf <-> Bonn Hbf: 12
    Dieser Abschnitt wird bereits wieder bedient. Es pendeln 6 Züge mit jeweils zwei Bahnen
  • ❌ Bonn Hbf <-> Bonn Ramersdorf: 6
  • ❌ Bonn Ramersdorf <-> Bad Honnef:

Bekannt ist, dass für den gesamten Dienst 56 Bahnen benötigt werden. Dies hat die Geschäftsführerin der SWB in der Ratssitzung vom 24.09.2026 erneut bestätigt.

Wie sieht der Zeitplan aus?

Für den regulären Betrieb werden nach Angaben der SWB insgesamt 56 Fahrzeuge benötigt. Da 15 Bombardier K5000 weiterhin zur Verfügung stehen, müssten dafür mindestens 41 der derzeit stillgelegten B-Wagen wieder freigegeben sein. Wie erwähnt ist jedoch zu beachten, dass durch turnusmäßige Wartungs- und Prüfarbeiten nicht immer alle Bahnen eingesetzt werden können.

Es bleibt zu hoffen, dass der Vergabe der anderen Bescheide durch das Zurverfügungstellen aller erforderlichen Unterlagen auch für die nächsten beiden Gruppen so zeitnah erfolgt kann. Schaffen die Stadtwerke es alle Bahnen der Serie 5 und der Zweiterstellung zurück auf die Gleise zu bekommen, wäre mit diesen 45 Bahnen ein großer Schritt in diese Richtung geschafft.

Unterstellt man beispielhaft einen Bescheid am 9. Oktober, blieben bis Ende November nur noch rund sieben Wochen, um die 25 Fahrzeuge der Zweiterstellung entsprechend dem abgestimmten Prüf- und Überwachungskonzept zu untersuchen, zu prüfen und anschließend einzeln freizugeben. Dabei müssen zunächst unter anderem die Radsätze mit zerstörungsfreien Prüfverfahren untersucht werden. Parallel soll bereits die Vorbereitung der vierten Serie weiterlaufen. Es ist ein strammer Zeitplan.

Anhand der bisherigen Meldungen der Stadtwerke Bonn haben wir den Zuwachs an einsatzfähigen B-Wagen über die Zeit aufgetragen. Aufgrund der unterschiedlichen Anforderungen ist eine einfache Prognose der Fertigstellung nicht möglich.

Wann gibt es Updates?

Die täglichen Updates aus der Werkstatt wird es nicht mehr geben. Frau Wenmarkers hatte sich dazu im Rat der Stadt Bonn geäußert und darauf verwiesen, dass einige Medien diese Updates als nicht relevant betrachten. Die SWB werden nur noch sporadisch über Updates aus der Werkstatt berichten. Ein größeres Update gibt es dann, sobald ausreichend viele Bahnen für den Abschnitt Bonn Hbf <-> Ramersdorf bereitstehen. Dann endet auch der Busersatzverkehr BE68.

Meinung

Soweit wie möglich werden wir versuchen unseren „Stadtbahn-Pegel“ im Briefing auf Beuel.net weiter mit Daten zu versorgen, um zu verdeutlichen, dass es stetig voran geht. So umgehen wir die Notwendigkeit einer expliziten Meldung und es bleibt für Interessierte abrufbar.

Dass die Stadtwerke erst wieder bei einem größeren Update berichten, lässt sich durchaus nachvollziehen, denn ohne Hintergrundwissen ist die Bedeutung von einer Bahn mehr kaum abschätzbar.

Die erste Stadtbahn, die nach der Prüfung wieder unterwegs ist an der Haltestelle Adelheidisstrasse
Die erste Stadtbahn, die nach der Prüfung wieder unterwegs ist. Hier an der Haltestelle Adelheidisstrasse in Bonn Beuel.

Gesamtübersicht über die Anzahl der Stadbahnen

AnzahlTyp
15Bombardier, K5000
20Duewag, 5. Serie, B100C
15Duewag, 4. Serie, B100S
25Duewag, Zweiterstellung, B80-ZE,
(basierend auf 1. – 3. Serie)
= 75

Wer sich für noch mehr Details interessiert, findet auf den folgenden Seiten weitere Informationen, die auch uns geholfen haben:

Quellen