Noch stehen die Fahrgeschäfte still, auf dem Platz wird geschraubt und vorbereitet. Wenige Tage vor dem Start von Pützchens Markt nutzten mehr als 100 Interessierte die Gelegenheit, bei der Backstage-Tour des Freundeskreises Pützchens Markt einen Blick hinter die Kulissen einiger der diesjährigen Neuheiten zu werfen.
Durch den Abend führte Harald Borchert, 1. Vorsitzender des Freundeskreises – und einer, der den Markt wie kaum ein anderer kennt. Borchert war viele Jahre Marktleiter von Pützchens Markt, bevor er 2021 in den Ruhestand ging. Heute engagiert er sich weiter für die Traditionskirmes und steht seit 2024 an der Spitze des Freundeskreises. Der Verein hat sich dem Erhalt und der Förderung des Brauchtums rund um Pützchens Markt verschrieben und organisiert unter anderem regelmäßig die beliebten Backstage-Touren.
Ein Riesenrad voller Technik
Erste Station war passenderweise eine der auffälligsten Neuheiten auf dem Platz: der „Eyecatcher“ der Bonner Schaustellerfamilie Kipp. Willi Kipp nahm sich ausführlich Zeit, den Besuchern das 2025 gebaute Riesenrad und vor allem die Technik dahinter vorzustellen.
55 Meter ragt der Eyecatcher in die Höhe, 42 geschlossene Gondeln bieten Platz für insgesamt 252 Personen. Gebaut wurde die Anlage vom niederländischen Hersteller Mondial. Alle Gondeln sind barrierearm und mit einem Rollstuhl nutzbar. Kipp betonte bei der Führung, dass Rollstuhlfahrer und eine Begleitperson bei ihm kostenlos mitfahren können.
Im Vergleich zum bekannten Europa-Rad der Familie hat sich vor allem beim Transport und Aufbau einiges verändert. Statt 20 Transportern werden für den Eyecatcher nur noch acht benötigt. Das spielt nicht zuletzt angesichts der Kraftstoffkosten eine Rolle. Auch der große Mobilkran, der beim Europa-Rad zum Aufbau benötigt wurde, ist beim neuen Rad nicht mehr erforderlich: Die Konstruktion richtet sich weitgehend mit eigener Hydraulik auf.
Während für das Europa-Rad früher mehrere Tage Aufbauzeit eingeplant werden mussten, berichtete Kipp, dass der Eyecatcher mit sechs Personen innerhalb von rund zwölf Stunden aufgebaut werden könne. In Bad Kreuznach hatte der Freundeskreis das Riesenrad bei einem Vereinsausflug bereits besucht.
Auch während des Betriebs steckt deutlich mehr Technik im neuen Rad, als man als Fahrgast vermuten dürfte. Kipp erläuterte, dass die Position der Gondeln bis auf etwa einen Zentimeter genau bestimmt werden kann. Dazu arbeitet das System unter anderem mit einem Barcode an der zentralen Achse und einem Scanner. So weiß die Steuerung sehr genau, an welcher Position sich das Rad befindet. Für unterschiedliche Bedingungen stehen verschiedene Fahrprogramme zur Verfügung. Bei Regen oder einer ungünstigen Gewichtsverteilung in den Gondeln wird beispielsweise sanfter abgebremst.
Auch Wind gehört bei einem 55 Meter hohen Fahrgeschäft naturgemäß zu den wichtigen Faktoren. Nach Angaben Kipps ist der Betrieb bis Windstärke 8 zugelassen. Das entspricht nach der Beaufort-Skala etwa 62 bis 74 Kilometern pro Stunde. Bei deutlich höheren Windstärken müssen zusätzliche Maßnahmen getroffen werden; Kipp erläuterte, dass ab Windstärke 10 einzelne Gondeln demontiert werden müssen.
Und natürlich gehört zu einem modernen Riesenrad auch Licht. Jede Menge Licht sogar. Eine einzelne der verbauten LED-Einheiten koste rund 85 Euro, erklärte Kipp. Wie viele davon insgesamt am Eyecatcher stecken, wollte ein besonders interessierter junger Teilnehmer ganz genau wissen. Kipp musste passen – versprach aber mit einem Augenzwinkern, noch einmal ganz genau nach zu zählen und die Antwort im nächsten Jahr zu liefern.
Eine weitere Besonderheit wartet auf dem Vordach: Maskottchen „Cocos“, ein Kakadu, der von Bonn und seinen Sehenswürdigkeiten erzählt. Und er singt auch ein ganz besonderes Lied – in voller Länge. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Das sollte man sich auf Pützchens Markt vielleicht einfach selbst anhören.
Übrigens: das bisherige Europa-Rad der Familie Kipp soll ab etwa Oktober einen Standort in Florenz in Italien erhalten.


300 Meter Grusel auf drei Etagen
Von luftiger Höhe ging es anschließend ins Reich der Geister. Zweite Station war die neue Drei-Etagen-Geisterbahn „Halloween“ von Rico Rasch.
Auch sie ist noch ausgesprochen jung: Die Anlage wurde 2025 fertiggestellt und feierte am 25. Juli 2025 auf dem Hamburger Sommerdom Premiere. Hersteller ist Ride Technic aus Tschechien. Rund zweieinhalb Jahre Produktion gingen dem Start voraus.
Bei der Backstage-Tour erklärte Rico Rasch, was nötig ist, um eine solche Geisterbahn überhaupt von Kirmesplatz zu Kirmesplatz zu bewegen: Zwei Mittelbauwagen und vier weitere Anhänger gehören zum Transport.
Im Inneren warten rund 300 Meter Schienenstrecke auf die Fahrgäste. Über drei Etagen führt die Fahrt, einschließlich eines Spindelaufzugs. Rund 3 Minuten und 40 Sekunden dauert eine Runde. Schon von außen sorgen 17 Figuren dafür, dass kaum Zweifel daran aufkommen, was die Fahrgäste drinnen erwartet.
Kinder dürfen nach den Angaben bei der Führung ab vier Jahren in Begleitung und ab acht Jahren alleine fahren. Seitlich ist die Anlage entsprechend aktueller Sicherheitsanforderungen mit Gittern gesichert.
Und was wäre eine Geisterbahn ohne Menschen, die im richtigen Moment für zusätzlichen Schrecken sorgen? Auf die Frage ob dafür noch Personal gesucht werde, verwies Rasch auf sein Team: Man habe über eine Agentur bereits ein gutes Team von Erschreckern gefunden.


Aus Graz erstmals nach Pützchen
International wurde es bei der dritten Station. „Nightfly – No Gravity“ der Kammerhofer & Sohn GmbH ist in diesem Jahr erstmals auf Pützchens Markt vertreten. Frau Kammerhofer war sichtlich erfreut über die Vielzahl an Besuchern, die an der Backstage Tour teilnahmen.
Der Nightfly selbst ist ebenfalls Baujahr 2025. Das Fahrgeschäft des italienischen Herstellers Technical Park vom Typ „Pegasus 16“ bietet 16 Fahrgästen gleichzeitig Platz. Frau Kammerhofer hatte das Geschäft gemeinsam mit ihrem Mann 2025 erworben.
Die Schaustellerfamilie kommt aus Graz in der Steiermark und hatte damit die wohl längste Anreise nach Bonn hinter sich. Rund 950 Kilometer waren es. Und natürlich war auch hier der Kraftstoff ein Thema: In Österreich sei der Diesel mit rund 1,85 Euro pro Liter noch vergleichsweise günstig gewesen – für die gesamte Strecke reichte die Tankfüllung allerdings nicht.
Die Familie Kammerhofer blickt bereits auf fünf Schausteller-Generationen zurück. Auf Pützchens Markt sei man von den anderen Schaustellerfamilien sehr freundlich aufgenommen worden. Mit dem Nightfly wird sie mit ihrem Mann als junge Familie noch in anderen Städten in Deutschland unterwegs sein und so außerhalb von Österreich Erfahrungen sammeln.
Für die Besucher der Backstage-Tour wurde das Fahrgeschäft bereits mit Beleuchtung gezeigt. Der inzwischen einsetzende Regen hatte dabei zumindest einen kleinen Vorteil: Unter dem dunkler werdenden Himmel kam die Lichtanlage besonders gut zur Geltung.
Für die passende Stimmung während des regulären Betriebs sorgt außerdem ein angestellter Rekommandeur.

Ein Blick zurück auf die Geschichte des Marktes
Zum Abschluss führte die Tour zu Familie Markmann. Hubert „Huppemann“ Markmann und sein Sohn Marcel stellten dort neue Informationstafeln vor, die sich im Detail mit Attraktionen aus der Geschichte von Pützchens Markt beschäftigen.
Eine weitere Tafel erinnert an Anton Schwarzkopf, einen der bedeutendsten deutschen Konstrukteure von Achterbahnen und Fahrgeschäften. Schwarzkopf prägte mit seinen Konstruktionen über Jahrzehnte die Volksfest- und Freizeitparkwelt. Auch auf Pützchens Markt waren immer wieder Anlagen aus seiner Produktion zu erleben.
Dass die Geschichte solcher Fahrgeschäfte in Pützchen nicht nur Vergangenheit ist, sondern bis heute gepflegt und weitergegeben wird, passt zum Anliegen des Freundeskreises. Der Verein will ausdrücklich das Brauchtum und Kulturgut rund um Pützchens Markt erhalten und das Heimatbewusstsein stärken.
Und offenbar besteht großes Interesse daran, einmal genauer hinzusehen: Trotz des während der Tour einsetzenden Regens blieb die Gruppe zusammen und folgte den Erläuterungen der Schausteller aufmerksam.
Die Backstage-Tour zeigte dabei vor allem eines: Was für die Besucher ab Freitag einfach leuchtet, fährt, dreht oder erschreckt, ist das Ergebnis von erstaunlich viel Technik, Logistik, Erfahrung und Arbeit. Und hinter jedem Geschäft stehen Familien und Menschen, die dieses Stück Jahrmarktskultur von Platz zu Platz tragen.

Quellen und Links
- Unser Reporter vor Ort
- Freundeskreis Pützchens Markt e.V. – Vereinsseite
- Ride-Index – Eyecatcher von Kipp & Sohn
- Deutscher Wetterdienst – Beaufort-Skala und Windgeschwindigkeiten
- Ride-Index – Halloween von Rasch
- Der Neue RUF – Premiere und Entstehung der Geisterbahn Halloween
- Ride-Index – Night Fly – No Gravity von Kammerhofer

