Ein kleiner Exkurs: In den letzten Tagen geisterten unterschiedliche Aussagen durchs Netz zur Zahl der Radfahrer auf der Kennedybrücke seit die Nordbrücke gesperrt worden ist. Ohne Frage ist, dass es mehr Zählungen gab als vor der Sperrung. Ein neuer Artikel im GA hat uns stutzig werden lassen, da wir uns selbst mit den Daten schon beschäftigt haben. Wir gehen der Frage nach: wie viele mehr sind es denn nun wirklich?
These 1: In einem GA Artikel wird ein Pressesprecher der Stadt Bonn damit zitiert, dass sich der Radverkehr seit der Sperrung „mehr als verdoppelt“ habe. Von 8.000 pro Tag auf 19.000 pro Tag [ga.de].
=> Zuwachs von 138 %
Analyse: Wie die 8.000 berechnet wurden ist unklar. Das Bezugszeitfenster wird nicht genannt. Auch die täglich 19.000 sind zu hinterfragen. Bis zu dieser Meldung gab es nur zwei einzige Tage mit mehr als 19.000 Zählungen, und das nur knapp. Wir haben daher eine Rückfrage gestellt.
Update 04.07.2026: Die genannte Zahlen entsprechen nicht den tatsächlichen Zählungen. Dies wurde uns bestätigt. Die korrigierten Zahlen sind der Pressemitteilung in These 2 zu entnehmen.
These 2: Dahingegen steht in der Pressemitteilung der Stadt Bonn auch vom 02.07.2026: „von knapp 9.000 im Mai auf fast 15.000 im Juni“.
=> Zuwachs von 67 %.
Analyse: Mathematisch korrekt. Dies stimmt mit den Daten überein, wenn man direkt die Werktage also Montag bis Samstag betrachtet ohne Korrektur von Abweichungen durch Feiertage (siehe Tabelle). [bonn.de]
Ob der Effekt allein auf die Sperrung der Brücke zurückgeht ist unwahrscheinlich, da der Mai durch Feier- und Brückentage signifikant nach unten abweicht. Um eine belastbare Aussage zu treffen müsste man diese Tage herausrechnen, sofern man an einer repräsentativen Erhebung der Werktage interessiert ist. Die einschlägige Fachliteratur wie Empfehlungen für Verkehrserhebungen führt dies im Detail aus.
These 3: In einem Post des Radentscheids wird der höchste zu diesem Zeitpunkt jemals gemessene Wert auf der Nordseite der Kennedybrücke von 8.656 erwähnt. „Das sind 160 % mehr als der bisherige Jahresdurchschnitt von 3.327 Radfahrenden pro Tag.“
Analyse: Mathematisch korrekt. Hierbei muss man bedenken, dass der Einzeltag mit allen Tagen zuvor, also auch Winter, Frühjahrs und Feiertage, in Bezug gesetzt wird. Der Effekt der Nordbrückensperrung kann so nicht bewertet werden. Einfaches Beispiel: der höchste Wert bis zur Sperrung der Nordbrücke (abgesehen von einem Warnstreiktag im März) war der 28.04.2026 mit 7.887 Zählungen an selber Stelle. Schaut man sich nur die Maxima an so liegt der Zuwachs bei 10 %.
These 4: der Radverkehr hat sich im Vergleich zum Vorjahr um 50-57% gesteigert.
Analyse: weiter unten.
Als Freunde von Transparenz und Glauben an die mündige Bürgerschaft darf jeder selbst sein Urteil fällen. Die uns bekannten Daten sind die Folgenden:

Berechnungstransparenz
Rohdaten von eco-counter.com, Aufbereitung in Wochen Beuel.net. Genutzt werden die Werte „Kennedybrücke gesamt“, also sowohl Süd als auch Nordseite, unabhängig von der Fahrtrichtung. Die Erfassung bezieht sich pro Tag. In der Tabelle gezeigt werden die Durchschnittswerte der jeweiligen Kalenderwoche pro Tag. Die Berechnung des Durchschnitts erfolgt als arithmetisches Mittel, also Summe der Werte geteilt durch Anzahl der Werte. Die Werte sind nicht bereinigt hinsichtlich von Feiertagen. Daher steht in der letzten Spalte der Kommentar, ob es in der jeweiligen Woche einen Feiertag etc. gab. An Feiertagen ist deutlich weniger Verkehr.
Diskussion
Wie immer gilt, ausschlaggebend ist die Frage welche Daten man für den Vergleich heranzieht und wie man mit äußeren Einflüssen umgeht, die die Daten beeinträchtigen. Das können insbesondere Feiertage sein an denen weniger Verkehr herrscht. Auch saisonale Effekte sind zu berücksichtigen – natürlich abhängig davon worüber man eine Aussage treffen möchte. Aktuell beschäftigt die Menschen und Planer die Frage: wie stark hat der Radverkehr auf der Kennedybrücke nach der Sperrung zugenommen.
Auffallend ist, dass in den drei Wochen nach den Osterferien bereits sehr gute Durchschnittswerte für Montag bis Freitag gab mit über ø 11.000 Zählungen pro Tag.
Wie sah es im Vorjahr aus? Wir haben auch einen Blick in diese Daten geworfen. Dabei mussten wir leider feststellen, dass die Plausibilität im Zeitraum 12. Mai 2025 bis 13. Juni 2025 fragwürdig erscheint. Sind im Regelfall die Bilanzierungen (Anzahl Fahrten nach Bonn versus Anzahl Fahrten nach Beuel) pro Tag in etwa vergleichbar, gab es in diesem Zeitraum signifikante Abweichungen.
-> Zeitweise sind mehrere Tage hintereinander im Jahr 2025 über 1000 Fahrten mehr nach Beuel als nach Bonn gezählt worden. Auch wenn wir Beuel sehr lieben und die Anziehungskraft nachvollziehen können, das ist zu viel =). Selbstredend haben wir nicht nur auf die absoluten Zahlen geschaut. Im Rest des Jahres 2025, wie auch im bisherigen Jahr 2026, liegt der „Überschuss“ im unteren einstelligen Prozentbereich mit wechselnden Richtungen.

(Zum Spaß haben wir mal die Übergänge von Bonn nach Beuel in diesem fragwürdigen Zeitraum aufsummiert. Ergebnis: innerhalb eines Monats wären demnach 25.000 Räder von Bonn nach Beuel gefahren und nie wieder zurück. Durch Aufsummieren werden sonst Unschärfen, die durch Rückfahrten nach 23:59 entstehen, egalisiert. Natürlich gibt es auch Effekte durch Kreis- oder Streckenfahrten. Wenn jemand Zeit und Nerven hat: macht doch mal eine Übergangsmatrix für alle drei (jetzt zwei) Bonner Brücken. Das dürfte spannend werden und Antworten zu den Kreisfahrten geben.)
Zurück zur Frage: wie sah es im Vorjahr aus? Hier die Tabelle

Im Vergleich zum Vorjahr steigerte sich der Radverkehr auf der Kennedybrücke in der KW 25 (also ohne Hitzewelle):
– Mo-Fr um 57%
– Mo-Sa um 51%
– Mo-So um 50%
In der KW26 sieht man einen Rückgang, der sich mit der Hitzewelle erklären lassen könnte. Jedoch gilt wie immer: Koinzidenz ungleich Kausalität.
Fazit
Nein, der Radverkehr hat sich unter Betrachtung der Tageszahlen nicht mehr als verdoppelt. Dass diese Aussage revidiert werden musste wurde uns auf Rückfrage bestätigt. Der neue Wert von 67% erscheint weitaus realistischer – je nach dem was man auswählt.
In Bezug auf die drei Wochen nach den Osterferien 2026 liegt der Zuwachs noch bei 42-47%.
Im Vergleich zum Vorjahr steigerte sich der Radverkehr um 50-57%.
Entscheidet selbst was euer Kriterium ist =).
Anmerkung und Perspektive
Jede Messstelle ist nur ein Abbild der Realität. Abweichungen kommen systematisch immer vor. Sei es, dass jemand die Zählstelle umfährt oder aus technischen Gründen. Durch gleiche Rahmenbedingungen lassen sich durchaus Annahmen treffen. Wir mögen mathematische Ausflügen und Analysen. Dennoch sind auch wir nicht vor Fehler gefeit.
Eine wichtige Grundfrage ist, ob man aus dem Gesamtzuwachs pro Tag Rückschlüsse auf den Verkehrsstrom über den ganzen Tag ableiten kann. Besonders interessant für die Sicherheit der Menschen erscheint in diesem Zusammenhang die Frage wie viele Räder sind „gleichzeitig“ also in einem kürzeren Zeitintervall über die Brücke unterwegs und führt das zu Konflikten? Vielleicht sind diese Zahlen sogar höher als das was derzeit herangezogen wird. Falls jemand Zeit und Lust hat: auf Open Data liegen die Daten mitunter im Stundenintervall vor: bitte gerne.
Auch wäre spannend aus welchen Richtungen die Räder kommen und wohin sie nach der Brücke fahren, um die Verkehrsströme adäquat berücksichtigen zu können. Gleiches gilt natürlich auch für den Motorisierten-Individual-Verkehr (MIV), doch das ist ein ganz anderes Thema.

