Vortrag: Historische Hochwasser im Köln-Bonner Raum bis 2026

Hochwasser

Vor 5 Jahren ereignete sich die verheerende Flutkatastrophe im Ahrtal und in vielen weiteren Teilen des Landes. Allein an der Ahr starben 135 Menschen. Ganze Orte wurden verwüstet. Die sonst so friedlich wirkenden Flüsse brachten in kurzer Zeit Not und Zerstörung. Wie außergewöhnlich war das Ereignis und was können wir für die Zukunft lernen? Den heutigen Tag nehmen wir zum Anlass, um den Opfern zu gedenken und um einen Rückblick auf einen Vortrag zu diesen Themen zu geben.

Am 18. Juni 2026 fand der Vortrag „Historische Hochwasser im Köln-Bonner Raum“ in den Räumen der Volkshochschule (VHS) in der Bonner Innenstadt statt. Als Referenten sprachen Prof. Dr. Jürgen Herget vom Geographischen Institut der Universität Bonn und Dipl.-Ing. Manfred Spata. Das Credo: aus der Vergangenheit für heute und morgen lernen. Durch das Programm führte der stellvertretende Beueler Bezirksbürgermeister Guido Pfeiffer.

Der Vortrag gliederte sich in drei Themenschwerpunkte, vom heute bis in die römische Vergangenheit:
– Ahr-Hochwasser 2021 im historischen Kontext – Jürgen Herget
– Eis-Hochwasser (des Rheins) 1784 – Manfred Spata
– Hochwassergeschichte bis zur Römerzeit – Jürgen Herget

Der gesamte Vortrag war hoch spannend und informativ gestaltet. Es würde den Rahmen sprengen alle Erkenntnisse zu erwähnen. Daher beschränken wir uns auf einzelne Punkte, die wir aus Sicht von Beuel.net und für das generelle Verständnis von Hochwasser besonders wichtig erachten.

Kennzahl Abfluss

Für eine wissenschaftliche Betrachtung der Hochwasser ist immer auch eine Abschätzung der Wassermengen pro Zeit relevant, die als Abfluss bezeichnet. Der Pegelstand, der für den Normalbürger durchaus besonders wichtig erscheint, steht in Abhängigkeit mit dem Abfluss und dem Querschnitts des Flussbettes sowie den Hindernissen in diesem.

=> Abfluss beschreibt Wassermenge pro Zeit, z.B. Liter pro Sekunde

Hochwasser im Ahrtal 2021 versus 1804

Überraschend in diesem Zusammenhang erscheint, dass es im Ahrtal bereits im Jahre 1804 ein ähnliches Hochwasserereignis gegeben hatte – sofern man sich auf die Wassermengen bezieht. Der Pegel blieb jedoch deutlich unter dem von 2021. Das überrascht zunächst, doch Prof. Herget konnte es anhand von Querschnitts-Zeichnungen exemplarisch für den Ort Dernau verständlich erklären: das Tal blieb von den seitlich angrenzenden Bergen unverändert, jedoch wurde das Gebiet in den letzten 200 Jahren dicht besiedelt.

Jedes Haus stellt für das Wasser ein Hindernis dar, durch Prallwasser aber auch durch sein reines Volumen. Ein weiterer wichtiger Faktor ist, dass sich an mehr Hindernissen auch mehr Treibgut verfangen kann, so dass es zu Aufstauungen kommt. Das alles führte dazu, dass der Pegel 2021 sehr viel höher war als noch 1804.

=> Änderung des Querschnitts durch Bebauung

Womit rechnet man?

Ob man mit einem solchen Ereignis im Ahrtal gerechnet hatte? Die Pegelmesseinrichtungen lassen einen anderen Schluss zu. Der Pegel der Ahr war so hoch, dass er selbst Pegelhäuser überstieg und zerstörte. In der Folge fehlte es an Daten, aus denen man die Abflusswerte hätte berechnen können. Prof. Herget war zu diesem Zwecke als Team im Ahrtal um anhand von Treibgutablagerungen, Beschädigungen an Bäumen und Häusern, Höhen zu bestimmen, aus denen dann eine Abschätzung möglich wurde.

=> Pegelindikatoren finden sich auch abseits der klassischen technischen Messeinrichtungen

Hochwasserschutz und Politik

Ist es die Forschung, die sich mit dem Hergang und den Folgen von Wetterereignissen und in der Folge Hochwassern beschäftigt, so ist deren Bewertung und Berücksichtigung auch immer eine politische Entscheidung. Unterschiedliche Interessen stehen dabei mitunter in Konkurrenz zueinander – wie etwa der Wunsch nach fluss- oder stadtnahem Wohnraum versus der Gefahr von Überschwemmungen versus Kosten. Es bleibt wie immer im Leben eine individuelle Risikoabschätzung.

Mögen die Hochwasserkatastrophen ein Weckruf gewesen sein und die Menschen nicht vergessen lassen, welche Gefahren auch aus scheinbar friedlichen Flüssen erwachen können. Da auch am Rhein ein Pegel von über 9,50 Meter wieder auftreten wird (Höchstwerte waren 10,13 in den 90er Jahren und ca. 14,23 m 1784) könnte man so zu dem Schluss kommen, dass in Beuel kaum ein Haus hätte gebaut werden dürfen. Zumindest beschloss man in den Erdgeschossen keine Wohnräume mehr zu genehmigen sondern nur noch Abstellräume und Garagen etc.

=> Hochwasserschutz ist immer eine Risikoabschätzung und auch eine politische Frage

Bewusstsein schaffen und bewahren

In diesem Sinne ist das Engagement des Geschichtsvereins zu begrüßen an vielen Stellen in Beuel Hochwassermarken anzubringen, um genau daran zu erinnern: Hochwasser ist und bleibt eine Gefahr, trotz aller Bemühungen und mitunter trügerischer Sicherheit. Je seltener die Ereignisse auftreten um so schneller wähnt man sich in Sicherheit (Stichwort: „Hochwasser-Demenz“).

Wer wohnt heute in Beuel, der selbst noch eines der Hochwasser der 90er-Jahre erlebt hat? Diese liegen nun auch bereits schon 30 Jahre in der Vergangenheit. Wer sie nicht kennt, denkt vielleicht die Hochwassermauer ist fertig gestellt, da könne ja nichts passieren. Ob sich jeder damit beschäftigt hat, dass sie ab 9,50 m überspült werden und dann die Rheinaustraße schlagartig unter Wasser steht? Darauf immer wieder hinzuweisen, dem gehen auch wir nach. Nicht um Angst zu machen, sondern um

=> ein Bewusstsein zu schaffen, dass schnelles Handeln in Zukunft auch in Beuel erforderlich sein wird.

Der Rhein hat kein Gedächtnis

Schaut man sich Begriffe wie Jahrhunderthochwasser etc. an, steht oft dabei „ein Ereignis wie es statistisch in 100 Jahren einmal auftritt“. Der Trugschluss: das passiere also nur alle 100 Jahre. Doch der Rhein hat kein Gedächtnis. Es gibt keine Garantie, dass nicht zwei oder mehr Hochwasser direkt aufeinander folgen. Plakatives Beispiel sind am Rhein 1993 und 1995. Innerhalb von nur 2 Jahren ereigneten sich 2 „Jahrhunderthochwasser“. Diese Bezeichnungen dienen mehr der Einordnung und können helfen Hochwasserstände an unterschiedlichen Orten einfacher vergleichen zu können. Sie sind kein Garant für die Zukunft.

=> Jahrhunderthochwasser heißt nicht: nur alle 100 Jahre

Eishochwasser 1784

Dem Eishochwasser 1784 ging ein Vulkanausbruch im Jahre 1783 voraus. Dessen Aschewolke verdunkelte Europa erheblich, was zu einem besonders strengen Winter führte. Der Rhein fror zu, so dass man ihn zu Fuß überqueren konnte. Selbst Volksfeste wurden darauf veranstaltet. Als dann im Frühjahr 1784 Tauwetter einsetzte und aus den südlichen Zuflussgebieten des Rheins immer mehr Wasser Richtung Nordsee strömte, konnte das Eis zunächst nicht so schnell schmelzen. Die Folge: das Wasser floss über den gefrorenen Rhein. Als sich mit der Zeit die Eisschicht schmolz, teilte sie sich in Eisschollen. Diese konnten jedoch nicht ungehindert abfließen, so dass sie sich verkeilten und das heran eilende Wasser zusätzlich stauten. So kam es zu den extremen Pegelwerten um 14,23 m.

=> Verkettung von außergewöhnlichen Naturereignissen

Hochwasserberechnung ohne Pegelmessgeräte

Im dritten Teil des Vortrages wurden Verfahren vorgestellt, wie man anhand schriftlicher Überlieferungen Pegelstände und Abflüsse rekonstruieren kann. Dies gleicht einer detektivischen Arbeit. Vereinzelt finden sich Angaben bis wohin das Wasser stand, woraus sich, sofern die Gebäude noch stehen oder bekannt sind, Näherungen ermitteln lassen.

In einem Beispiel eines Textes von Tacitus wird deutlich, dass Wissen aus der Zeit elementar ist, um Größenordnungen abzuschätzen. Ist überliefert, dass Schiffe nicht mehr fahren können, kann aus deren bekannten Abmessungen der Tiefgang ermittelt werden und so eine Aussage über den Wasserstand getroffen werden. Kämpften die Soldaten im Wasser, so ist gleichfalls die Pegelhöhe limitiert. Aus einer Vielzahl an Informationen können so Pegel und Querschnitt bestimmt werden, womit eine Näherung für den Abfluss zum damaligen Zeitpunkt bestimmt werden kann.

Systematische Pegeldaten bilden nur einen Teil ab

Meinung. Der Fortschritt in der systematischen Erfassung von Pegelständen und Abflüssen führt dazu, dass heute eine beachtliche Menge an Daten zur Verfügung steht. So werden die Pegelstände am Rhein heutzutage in der Regel in 15-Minuten-Intervallen erfasst. Jedoch gibt es ein Manko: der Mensch tendiert dazu die Gesamtheit der Daten als Grundlage für Modelle und Berechnungen sowie Risikoabschätzungen zu nutzen. Schnell lässt man außer Acht oder kommuniziert nicht vollständig, dass es auch in der Zeit vor der systematischen Erfassung Hochwasser gab – nur sind diese nicht so genau beschrieben oder in kurzen Intervallen erhoben, so dass man die üblichen Kennlinien erstellen könnte.

In heutigen Pegelkennlinien des Rheins (beispielsweise auf hochwasser.rlp.de) findet man das Hochwasser von 1784 nicht. Bei den Pegelkennlinien der Ahr wird das Hochwasser von 1804 nicht genannt. Das mag sich technisch begründen lassen, weil nur aus den systematischen Daten die Maxima besonders erwähnt werden und dies einfach umsetzbar ist. Für ein vollständiges Bild sind diese historischen Informationen jedoch essenziell. Dass sich Naturereignisse in ähnlicher Weise mit vergleichbaren Wassermengen wiederholen können hat sich im Ahrtal leider erschreckend deutlich gezeigt. Erlaubt man die Besiedelung der Gebiete obliegt der Gesellschaft eine besondere Aufgabe für die Sicherheit der Menschen zu sorgen und wiederkehrend (sich) über die Gefahren zu informieren, um dem Vergessen entgegen zu wirken.

Danksagung

An dieser Stelle möchte sich Beuel.net ausdrücklich bei den Vortragenden. Prof. Herget ist äußerst engagiert auch auf technische Rückfragen etwa zur Gerinnehydraulik eingegangen. Die Ergebnisse der Berechnungen werden wir beizeiten hier auf Beuel.net veröffentlichen. Herrn Spatas Engagement zur Aufrechterhaltung der Erinnerung an das Eishochwasser in Beuel begrüßen wir. Noch in diesem Sommer ist das Anbringen einer weiteren Hochwassermarke geplant.

Quellen: Inhalte des Vortrags wie oben erwähnt, Gespräche mit Referenten im Anschluss an die Veranstaltung